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4. Die Analyse
In Unternehmensberatungen geht es um die Anpassung an eine „feindliche“ Umwelt:
Der Verdrängungswettbewerb ist hart und läßt nicht alle
Unternehmensberatungen von vornherein überleben. Beratungen stehen
dabei im Wettbewerb um Kunden und im Wettbewerb um Mitarbeiter.
Dementsprechend erfolgt die Selektion bei Unternehmensberatungen primär über
Projekte bei Kunden. Wer von Kunden beauftragt wird und auch noch Erfolg
hat, verbessert seine Chancen auf weitere Aufträge. Durch diese
positive Selektion wird das Überleben des gesamten Kollektivs gesichert.
Die nicht erfolgversprechenden Angebotsbestandteile werden gleichzeitig
ausselektiert, was letztlich zu einem Fortschritt für das Kollektiv
führt: So hat es sich auch bei Kunden durchgesetzt, dass innerhalb
der gleichen Beratungsfirma Berater abgelehnt und substituiert werden.
Der Kunde dient hier als Selektionsfilter.
Selektionskriterium ist allerdings nicht zwingend die Qualifikation
der Berater: Für sie werden zwar nach der Einstellung lediglich
kleinere Qualifikationsprogramme maßgeschneidert, mit deren Hilfe
noch vorhandene Wissenslücken geschlossen werden. Mit diesem Wissen
ausgestattet starten die Berater in ihre Projekttätigkeiten. Eine
weitere substantielle Personalentwicklung würde den Zielen einer
Unternehmensberatung widersprechen: Da die Loyalität der Mitarbeiter
abnimmt, ist es nicht effektiv, diese Mitarbeiter zuvor noch mit Wissen
aus teuren Qualifikationsprogrammen auszustatten.
Eine typische Unternehmensberatung sieht daher kaum eine Veranlassung,
die Beschäftigungsfähigkeit der ihnen anvertrauten Mitarbeiter
durch weitere Personalentwicklung explizit zu fördern, oder sie
vermittelt vor allem Informationen, die in anderen Zusammenhängen
als denen ihrer eigenen Projekte eher uninteressant sind.
Die Selektion erfolgt über die erbrachte Leistung, und diejenigen
Berater, die in den Augen des Kollektivs genügend Leistung erbringen,
werden von der Unternehmensberatung behalten.
Insgesamt herrscht also ein extremer Darwinismus in Beratungsunternehmen – wogegen
auch nichts spricht, solange dies entsprechend offen kommuniziert wird.
Problematisch wird es erst, wenn Beratungsunternehmen glauben, ihre (existente)
gnadenlose Performance-Orientierung „verstecken“ zu müssen. Wenn
sie dann noch vorgeben, sozialromantische Kuschelecken zu liefern, dann
wird es peinlich. Das gleiche gilt, wenn Beratungsunternehmen vorgeben, „Personalentwicklung“ zu
praktizieren: In der Praxis will die Beratung den Berater maximal „nutzen“,
weshalb Einsätze in sehr ähnlichen Projekten üblich sind.
Nicht selten ist es dann der Berater mit zwei abgeschlossenen Studiengängen
und Auslandserfahrung, der sich frustriert darüber beklagt, dass
sein Wissen über einen engen Einsatzbereich hinaus nicht gefragt
ist. Vieles von diesem Darwinismus erklärt sich aus dem Produkt
der Beratung und aus dem Markt; anderes ergibt sich aus dem Opportunismus
der Mitarbeiter.
Als Aktionsfelder für diesen Opportunismus stehen den Mitarbeitern
drei Arenen zu Verfügung:
- Im Wettbewerb zu anderen Kandidaten geht es zunächst darum,
in eine Unternehmensberatung aufgenommen zu werden. Hier ist die Beschäftigungsfähigkeit
ausschlaggebend, also die permanent zu aktualisierende Marktfähigkeit
für eine klar definierte Tätigkeit. Der Berater muss bereits
zum Eintritt in die Unternehmensberatung über diese Beschäftigungsfähigkeit
verfügen und sie eigenverantwortlich erhalten. Je größer
die Beschäftigungsfähigkeit, desto größer ist
die individuelle Verhandlungsmacht um Stelle, Position, Einsatzoptionen,
Einstiegsgehalt oder Arbeitsplatzausstattung.
- Im Wettbewerb zu den gegenwärtigen Kollegen zählt Leistung.
Erfahrungen, Wissen, Mobilität und auch (scheinbare!) Loyalität
zum Unternehmen sind hier Machtpotentiale, bei denen ein Berater im
direkten Vergleich seine Kollegen übertreffen und seine individuelle
Verhandlungsmacht für neue Projekte sowie für Beförderungen
vergrößern kann. Offiziell dreht es sich zwar bei allen
Beratungsfirmen um Teamleistung. In einer darwiportunistischen Welt
ist jedoch der Einzelkämpfer gefordert, der sich gegen Widerstände
aller Art durchsetzen kann. Oder anders ausgedrückt: Es zählen
nicht die „Assists“, sondern wie viel Punkte man persönlich mehr
als die anderen im „Team“ erzielt hat. Dies führt dazu, dass auch
zwischen den Beratern mit harten Bandagen um Einsatzmöglichkeiten
und Einsatzorte gekämpft wird. Dies schraubt dann wieder die kollektiven
Leistungserwartungen an die Berater hoch.
- Im Wettbewerb zu zukünftigen Kollegen ist der Opportunismus
langfristig ausgerichtet, weniger sichtbar, aber dennoch existent.
Denn nur ein kleiner Teil der Berater wird in dieser Branche bleiben
und weiß dies auch genau. Deshalb geht es bei Beratungsprojekten
immer auch um die Zukunftssicherung des Beraters – vielleicht in der
Firma des Kunden und vielleicht sogar in direktem (aber selten offen
ausgetragenem) Kampf gegen Mitarbeiter aus dieser Firma. Aus dem Versagen
von Firmeninternen bei der Implementation des Beratungskonzeptes ist
schon manch ein Dauerarbeitsplatz für einen Berater geworden,
der lieber in ruhigeres Fahrwasser überwechseln will. Streng opportunistisch
gesehen, muss ein Berater bereits frühzeitig Projekte auf seine
persönliche (!) Zukunft hin ausrichten und instrumentalisieren,
Kunden als Wettbewerber ansehen und potenzielle Konkurrenten frühzeitig
eliminieren.
Auch wenn sich Berater dies alles natürlich selten bewusst machen:
Dies sind die impliziten Spielregeln, und ein derartiges Verhalten wird
letztlich (zumindest von der Gruppe der Sieger) akzeptiert. Individuen
müssen ihre Machtpotentiale somit für die tägliche Arbeit
als permanentes Anreiz-Beitrags-Gleichgewicht aufbauen und auch für
die Zukunft vorsorgen, die durchaus auch außerhalb der Unternehmensberatung
liegen kann.
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